6. Die Anpassung an die Sprachbehinderung
Krankheitsverarbeitung bei den Betroffenen
Bei Auftreten einer Aphasie gehen die meisten Betroffenen davon aus, daß sich ihre Beeinträchtigungen wieder völlig zurückbilden werden. Später, nach Einsetzen der Sprachtherapie und anfänglichen Verbesserungen, beginnen die Betroffenen zu realisieren, daß sie sich möglicherweise auf ein Leben mit der Behinderung einstellen müssen. Viele wehren sich zunächst sehr gegen diese Möglichkeit und klammern sich an die Hoffnung, daß vielleicht noch ein Wunder geschehen könnte. Andere reagieren depressiv, ziehen sich zurück und haben das Gefühl, nur noch allen zur Last zu fallen. Auch die Angst vor einer Verschlimmerung, etwa durch einen erneuten Schlaganfall, kann belastend sein. In dieser schwierigen Phase haben viele frühere Lebensideale und -pläne ihre Gültigkeit verloren, neue sind noch nicht gefunden. Auch stehen meistens sehr konkrete Fragen der Lebensplanung an: die Frage nach Beruf oder Rente und die damit verbundenen finanziellen Probleme.
Allmählich kann es den Betroffenen aber gelingen, die Behinderung zu bewältigen. Dann werden neue Interessen und Aktivitäten entdeckt, die trotz einer Sprachbehinderung möglich sind. Eine solche Neuorientierung kann viele Monate bis Jahre beanspruchen.
Wieviel Zeit und welche Hilfen ein Mensch benötigt, um mit einer solchen Lebenskrise fertig zu werden, ist individuell sehr verschieden. Aphasiker-Selbsthilfegruppen sind bei diesem Prozeß eine große Hilfe. Manchmal kann auch eine psychotherapeutische Unterstützung, eventuell gemeinsam mit dem Lebenspartner, von Nutzen sein.
Was bedeutet die Aphasie für die Angehörigen?
Die Aphasie trifft zwar einen Einzelnen, hat aber auch immer gravierende Auswirkungen auf das Leben der nächsten Angehörigen. Als Partner oder Angehöriger eines Menschen mit einer Aphasie fühlt man sich zunächst selber sehr hilflos. Man möchte trösten und helfen, weiß aber oft nicht wie. Deshalb ist es wichtig, sich bewußt zu machen, daß man dem Erkrankten die verlorenen Fähigkeiten nicht ersetzen kann. Zwar können und sollten die Angehörigen helfen, soweit es möglich und sinnvoll ist. Eine Überbehütung sollte aber vermieden werden. Für viele Menschen mit Behinderungen ist es sehr wichtig, alles, was selbst erledigt werden kann, auch wirklich selbständig zu tun - auch wenn es mühsam ist und länger dauert. Es gehört für Angehörige und auch Betreuer oft viel Geduld und Einfühlungsvermögen dazu, dieses geschehen zu lassen, ohne einzugreifen, wenn es doch mit ihrer Hilfe viel schneller und besser gehen würde. Für viele Behinderte kann aber das Gefühl, gebraucht und einbezogen zu werden, sehr wichtig sein - auch wenn es nur um Mithilfe bei Kleinigkeiten im Haushalt geht.
Die Angehörigen müssen sich schließlich bewußt machen, daß sie trotz des Schicksalsschlages des Partners das Recht haben, ihr eigenes Leben zu führen! Dem Sprachbehinderten wird nicht dadurch geholfen, daß der gesunde Partner auf alle eigenen Interessen und Lebensbereiche verzichtet. Letztlich profitiert ein behinderter Partner auch mehr davon, wenn es dem gesunden Angehörigen gut geht, als wenn dieser (vielleicht aus schlechtem Gewissen) alle Annehmlichkeiten und Interessen opfert.
In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, daß Angehörige aphasischer Patienten um so mehr unter der Sprachstörung des Betroffenen leiden, je mehr Kontakte mit Arbeitskollegen oder Freunden und Bekannten verlorengehen und je mehr Freizeitaktivitäten (auch allein unternommene) eingestellt werden !
Leben mit einem behinderten Partner ist nicht einfach. Trotz bester Bemühungen kann es geschehen, daß die Situation irgendwann einmal entgleitet, daß die Angehörigen die Belastung zeitweilig nicht ertragen können oder ungeduldig und aggressiv reagieren. Solche Gefühle sind natürlich und verständlich. Man sollte versuchen, diese Situationen anschließend mit dem behinderten Partner zu klären. Manchmal kann es nützen, Hilfe von außen heranzuziehen oder mit anderen zu sprechen, die in derselben Situation sind, z.B. in Angehörigengruppen. Auch die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Unterstützung sollte in Erwägung gezogen werden.
Was kann man sonst noch tun?
Einbeziehen in Alltagsaktivitäten
Neben der Bemühung um sprachliche Verständigung sollte, soweit wie möglich, versucht werden, Menschen mit Aphasien in alle Alltagsaktivitäten mit einzubeziehen:
- Mithilfe im Haushalt
- Besuche von und bei Freunden und Bekannten
- gemeinsame Ausflüge
- Spiele
- Hobbys
Manchmal wird es nicht mehr möglich sein, frühere Hobbys weiter auszuüben. Von einer Aphasie betroffene Menschen sind aber nicht nur auf das Unterhaltungsprogramm im Fernsehen angewiesen! Es gibt eine ganze Reihe von Freizeitaktivitäten, zu deren Ausübung sprachliche Fähigkeiten nicht unbedingt nötig sind.
Dazu zählen:
- Zeichnen, Malen
- Töpfern
- Seidenmalerei
- Handarbeiten, Basteln
- ein Instrument spielen
- Musik hören
- Blumen oder andere Pflanzen züchten und pflegen
- Tierpflege
- Fotografieren oder Filmen
- Spaziergänge, selbst längere Wanderungen
- Behindertensport
- Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, evtl. sogar Computer- oder
Videospiele
Eine erste Anregung können die während des Rehabilitations-Aufenthaltes angebotenen Therapien, wie Ergotherapie oder auch Werktherapie, bieten. Vielleicht besteht sogar die Möglichkeit, am Heimatort an einer Einrichtung für Erwachsenenbildung (z.B.Volkshochschule) einen Kurs zu belegen. Eine beträchtliche Anzahl von aphasischen Menschen haben nach der Erkrankung neue Hobbys entdeckt. Einige haben es darin sogar zu ausgesprochener Perfektion gebracht. Auch hier gilt natürlich, daß man sich durch anfängliche Mißerfolge nicht entmutigen lassen sollte.
Ferien- und Kuraufenthalte
Diese können den mühsamen Alltag unterbrechen und die oft
große Belastung aller Betroffenen vermindern. Es lohnt sich,
solche Möglichkeiten mittel- und längerfristig zu planen. Dabei
sind verschiedene Varianten denkbar:
Einerseits kommen gemeinsame Ferien- und Kuraufenthalte in Frage, bei denen sowohl die Sprachbehinderten als auch die nächsten Angehörigen am selben Ort Abwechslung und Entspannung finden. Neben den normalen Hotels kommen hier auch speziell behindertengerechte Kurhotels und Kurkliniken in Frage.
Denkbar ist jedoch auch, daß die Angehörigen ihre eigenen Ferien organisieren oder sich zu Hause erholen, während der Betroffene sich in einer medizinisch geführten oder betreuten Kur aufhält.
Informationen zu Ferien- und Kurmöglichkeiten Behinderter kann man beim "Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker" erfragen.
Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V.
Wenzelstraße 19, 97084 Würzburg
Tel. 0931 / 250130-0 Fax 0931 / 250130-39
eMail: info@aphasiker.de
Web: www.aphasiker.de