4. Wie kann man die sprachliche
Verständigung mit Menschen, die von einer Aphasie betroffen
sind, erleichtern?
Je mehr man sich als Sprachgesunder in die Lage des
Sprachgestörten hineinversetzen kann, um so besser kann man auch
mit seinen spezifischen Problemen umgehen. Einige ehemalige
Betroffene haben inzwischen Bücher über ihre Krankheit und
Rehabilitation geschrieben. Diese Erfahrungsberichte lesen sich
wie Romane und sind sehr spannend für alle, die mit aphasischen
Menschen zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist "Katze fängt
mit S an. Aphasie oder der Verlust der Wörter" von
I. Tropp-Erblad (Fischer Taschenbuch, 1985). Der folgende
Textausschnitt stammt aus diesem Buch und beschreibt, wie die
Autorin ihre Aphasie erlebte:
"Es passierte oft, daß ich falsche Wörter
gebrauchte. Dann hörte ich im allgemeinen selbst, daß ich etwas
Falsches gesagt hatte. Aber ich erinnere mich an einen Fall, in
dem ich es nicht merkte. Eine Patientin fragte mich, wie alt ich
sei. Vierundsiebzig antwortete ich. Sie wollte es mir
nicht glauben, aber ich sagte, doch, es stimme. Sie wiederholte,
was ich gesagt hatte. Da hörte ich, daß es falsch war und
berichtigte mich. Anfangs war es mir unmöglich zu sagen, wie
spät es war. Es wurde immer falsch. Wenn ich halb
eins sagen wollte, sagte ich zum Beispiel neun.
Es kamen Zahlen. Aber ich hörte selbst, daß sie nicht richtig
waren. Wollte ich rot sagen, konnte es
blau werden. Wollte ich Winter sagen,
wurde es sicher Sommer, aus Gabel wurde
Löffel, aus warm wurde kalt.
Immer wieder mußte ich mich berichtigen. Es war ermüdend.
Ich stellte mir vor, daß die Wörter im Gehirn in Kategorien
eingeteilt sind. Wie ein Regalsystem, das für die verschiedenen
Kategorien von Wörtern verschiedene Regale hat. Wenn ich z.B.
Sommer bestellte, eilten kleine Gehirnarbeiter zum
Regal für Jahreszeiten und kamen mit Winter
zurück."
Ein Patentrezept für den Umgang mit aphasischen Menschen
gibt es nicht und kann es nicht geben, da sowohl der
Sprachbehinderte als auch die Angehörigen eigenständige
Persönlichkeiten sind, die man mit anderen nicht vergleichen
kann und soll. Trotzdem gibt es einige Regeln, die man sich
zumindest bewußt machen sollte:
4.1. Äußere Bedingungen
- Die sprachgesunden Gesprächspartner sollten darauf
achten, daß die Sprachgestörten ihnen zugewandt und
wirklich aufnahmebereit sind (Aufmerksamkeit auf sich
lenken, Blickkontakt).
- Menschen mit Aphasien benötigen schon für das Verstehen
ihre gesamte Aufmerksamkeit. Es ist also ratsam, nicht
zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, wie etwa
Laufen und sich dabei unterhalten. Hintergrundgeräusche,
wie Radio oder Straßenlärm, können von
Sprachgestörten nur sehr schwer ausgeblendet werden und
stören sie mehr als Sprachgesunde.
- Gespräche in einer Gruppe von mehreren Menschen sind
für Menschen mit Aphasien weitaus schwieriger zu
verstehen als solche mit einer einzelnen Person.
4.2. Allgemeine Kommunikationsregeln
- Behandeln Sie den aphasischen Menschen als gleichwertigen
Kommunikationspartner!
Reden Sie ruhig und etwas langsamer, aber ganz natürlich
und mit normaler Satzmelodie. Es ist nicht nötig,
übermäßig betont, ausführlich und mit vielen
Wiederholungen in erhöhter Lautstärke zu sprechen. Das
würde den Betroffenen nur kränken, weil er sich nicht
erwachsenengerecht angesprochen fühlt.
- Versuchen Sie, Ihrem aphasischen Partner auch und gerade
im sprachlichen Bereich möglichst weitgehende
Selbständigkeit zu lassen.
- Nehmen Sie dem von Aphasie Betroffenen nicht das Sprechen
ab, wenn er oder sie sich selbst ausdrücken kann, auch
wenn es länger dauert.
Es ist ganz normal, wenn Sie aufgrund von ungewohnt
langen Pausen, die der Betroffene macht, nervös,
ungeduldig, "kribbelig" werden, es kommt nur
darauf an, daß Sie ihm diese Pausen zugestehen und ihn
nicht mit Ihren eigenen Worten unterbrechen. Das ist
besonders wichtig, da manche Menschen mit Aphasie
Wörter, die sie von anderen hören ungewollt selbst
aussprechen, obwohl sie eigentlich etwas anderes meinen
("Perseveration").
- Sprechen Sie Menschen mit Aphasien nicht Wörter vor mit
der Aufforderung, sie zu wiederholen (es sei denn, der
Betroffene wünscht dieses ausdrücklich).
- Sprechen Sie nicht vor Dritten über ihn, als ob er gar
nicht vorhanden wäre, sondern versuchen Sie, ihn immer
ins Gespräch mit einzubeziehen, auch wenn er sich selbst
nicht äußern kann (z.B. "Wir wollten doch noch
sagen, daß du...")
Darüber hinaus gibt es ein paar allgemeine Regeln, wie die
Verständigung mit Menschen mit schweren aphasischen
Störungen erleichtert werden kann. Mit ihrer Hilfe ist es
möglich, auch schwer Sprachbehinderte in Gespräche und
Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen oder ihre Bedürfnisse
und Wünsche zu erfahren. Es ist wichtig, sich darum immer wieder
zu bemühen, damit die Betroffenen nicht resignieren, sich
abkapseln und ihre sprachlichen Fähigkeiten zunehmend
verkümmern.
4.3. Hinweise für die Verständigung bei schweren
Aphasien:
- Es ist im Umgang mit Menschen mit Globaler Aphasie immer
an die Möglichkeit zu denken, daß sie entgegen aller
Erwartung doch verstehen. Dies geschieht meist dann, wenn
es um persönliche Belange geht. Man sollte es also
vermeiden, über ihren Kopf hinweg zu sprechen, ohne sie
in das Gespräch mit einzubeziehen.
- Begleiten Sprachgesunde ihre sprachlichen Äußerungen
durch Mimik, Gestik, Aufzeichnen oder Zeigen von
Gegenständen, so steigt die Wahrscheinlichkeit , daß
sie von den Patienten verstanden werden. Es muß dabei
jedoch nichtsprachlich wirklich dasselbe ausgedrückt
werden wie sprachlich.
- Hören Sie nicht nur auf das was, sondern auch wie
es gesagt wird: Auch wenn Betroffene nur wenige oder
gar keine Wörter sprechen können, so kann man oft an
der Betonung hören, ob sie zustimmen, ablehnen oder
etwas wissen möchten.
- Man sollte sich Zeit lassen und nicht zu schnell
sprechen. Eventuell trägt es auch zum Verstehen bei,
wenn das Gesagte wiederholt oder in anderen Worten
nochmals formuliert wird. Themenwechsel sollten nicht
abrupt vollzogen werden.
- Erfragen Sie nicht Dinge, von denen der Betroffene weiß,
daß sie Ihnen selbst bekannt sind (z.B. "Wo wohnst
Du? Wohnst Du in Hannover ??").
- Man sollte Menschen mit Aphasien nicht verbessern, wenn
sie ein falsches Wort sagen. Wichtig ist, ob man
versteht, worum es geht. Oft hängen "falsche"
Wörter thematisch mit dem zusammen, was der Betroffene
eigentlich ausdrücken will, manchmal haftet er aber auch
an einem vorher genannten Begriff. Wenn man Zweifel hat,
ob der Betroffene das antwortet, was er wirklich meint,
sollte man eine Frage stellen: "Meinst Du
....?"
- Sucht ein aphasischer Mensch offensichtlich nach einem
bestimmten Ausdruck, so kann man durch Raten
("Meinst du ...?") mithelfen.
- Bei schweren Verständigungsproblemen kann es helfen,
wenn Fragen so gestellt werden, daß man sie mit
"ja" oder "nein" beantworten kann
(z.B. "War der Briefträger schon da?" statt
"Was ist alles passiert?").
- Häufig wird es trotz allem nicht gelingen,
herauszubekommen, was der Betroffen sagen möchte.
Trotzdem sollte er durch Sie die Gewißheit bekommen,
daß seine Absicht gleich, bald oder zumindest später,
bei einem erneuten Versuch, verstanden werden will. Hier
könnte hilfreich sein, zu sagen: "Wir finden es
heraus - fang noch mal an!" oder "Wir versuchen
es später noch einmal herauszufinden".
- Manchmal kann es auch helfen, ein Stichwort
aufzuschreiben.
- Manche von Aphasie Betroffene können trotz schwerster
Sprachstörungen noch singen. Wenn Ihr Angehöriger vor
der Erkrankung gern gesungen hat, versuchen Sie es ruhig
einmal mit ihm gemeinsam. Auch wenn der Betroffene den
Text vielleicht nicht richtig aussprechen kann, so ist es
doch eine wichtige Erfahrung überhaupt noch Sprache
produzieren zu können.
4.4. Häufige Ursachen von Mißverständnissen
Folgende Probleme tauchen in der Verständigung bei schweren
Aphasien immer wieder auf:
- "Ja"-und-"nein"-Verwechslung: Es
besteht die Möglichkeit, daß Sprachgestörte
"ja" und "nein" verwechseln. Manchmal
können sie von einer einmal gefundenen Antwort nicht
mehr abrücken und wiederholen sie ständig, obwohl sie
eigentlich das Gegenteil meinen (Perseveration). Es kommt
auch oft vor, daß sie "ja" antworten, ohne
etwas verstanden zu haben.
- Echolalie: Einige Betroffene wiederholen Fragen oder
Äußerungen der Gesprächspartner, ohne etwas vom Sinn
zu verstehen. Dadurch kann irrtümlicherweise der
Eindruck entstehen, sie hätten das Gesagte verstanden.
- Die spontane Gestik und Mimik einiger Patienten
vermittelt häufig, mag sie auch noch so ausgeprägt und
eindrucksvoll sein, keine eindeutig interpretierbare
Information. Dadurch entsteht oft mehr Verwirrung als
Klarheit.
- Manche Betroffene (mit Wernicke-Aphasie) sprechen
flüssig und viel, das Gesagte ist aber wenig
verständlich. Als Gesprächspartner sollte man sie immer
wieder darauf aufmerksam machen, wenn man etwas nicht
verstanden hat. Tut man dieses selten oder nie, können
große Mißverständnisse entstehen weil die Betroffenen
ja oft denken, sie hätten sich verständlich
ausgedrückt.
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