3. Die sprachlichen Symptome bei Aphasie
Verstehen:
Neben den Schwierigkeiten beim Sprechen haben fast alle von einer Aphasie Betroffenen auch Probleme im Verständnis von Sprache. Besonders bei der 'Globalen Aphasie' (siehe unten) ist das Sprachverständnis erheblich eingeschränkt. Trotzdem hat man oft den Eindruck, als würden die Betroffenen alles verstehen. Das liegt daran, daß sie vieles aus der Situation erschließen, bzw. erraten.
Fragen Sie z.B. in der Cafeteria: "Möchtest Du eine Tasse Kaffee trinken?", so paßt diese Frage zur Situation und der Betroffene wird keine Probleme mit dem Verstehen haben. Fragen Sie aber während Sie bestellen "Ach übrigens, morgen kommt der Versicherungsvertreter. Kannst Du mir sagen, wo die Policen sind?", paßt die Frage nicht zur Situation.
Bei solchen Themen, die nicht direkt in die Situation passen, ist das Verständnis eingeschränkt. Hier versteht der Betroffene häufig nicht den ganzen Satz, sondern nur wichtige Wörter daraus (z.B. "Versicherungsvertreter"). Da er anhand der Satzmelodie erkennen kann, daß ihm eine Frage gestellt wurde, versteht er möglicherweise die Frage so: "Weißt Du, ob morgen der Versicherungsvertreter kommt?".
Auch das Verständnis für die Bedeutung einzelner Wörter ist nicht ganz sicher. So ist es möglich, daß ein Mensch mit einer Aphasie bei der Frage "Möchtest Du Tee ?" versteht, daß es sich um ein Getränk handelt, aber Tee und Kaffee verwechselt und so "Ja" antwortet, obwohl er lieber Kaffee trinken würde.
Sprachproduktion:
Die meisten von Aphasie betroffenen Menschen leiden unter Wortfindungsstörungen, das heißt, sie können einen Gegenstand nicht benennen, obwohl sie wissen, um was es sich handelt. Auch wenn sie (mit Hilfe) auf das Wort kommen, kann es sein, daß es wenige Sekunden später schon wieder "weg" ist. Man kann daher Wörter nicht wie beim Vokabellernen einer Fremdsprache einfach durch häufiges Wiederholen üben.
Neben den reinen Wortfindungsstörungen können Begriffe auch falsch gesprochen werden. Dabei kommen folgende Fehler vor:
- Probleme, Wörter in ihrem Lautmuster richtig auszusprechen. Es kommt zu so genannten phonematischen Paraphasien, das heißt, die Laute eines Wortes werden verdreht oder durch andere ersetzt (z.B. "Meksel" statt "Messer").
- Aussprechen eines Wortes, das der Betroffene gar nicht sagen möchte. Dieses kann im Zusammenhang mit dem gesuchten Wort stehen (z.B. möchte er "Tisch" sagen und sagt statt dessen "Stuhl"), manchmal ist aber auch kein Zusammenhang erkennbar.
- "Hängenbleiben" an einem Ausdruck. Eigentlich möchte der Betroffene etwas anderes sagen, kommt aber von dem Wort, das er vorher gesagt oder von jemand anderem gehört hat, nicht los (Perseveration).
Die Art der auftretenden Störungen ist bei fast jedem Betroffenen anders. Man kann aber im Groben verschiedene Gesetzmäßigkeiten erkennen. Je nachdem, wie schwer die Sprachstörung ist und welche Bereiche am schwersten betroffen sind, benutzt man folgende Einteilung:
Die globale Aphasie ist die schwerste Form der Aphasie, da
hier alle sprachlichen Bereiche stark gestört sind.
Im akuten Stadium machen Menschen mit globaler Aphasie kaum einen
Versuch, spontan kommunikativen Kontakt zur Umwelt aufzubauen.
Die Sprachproduktion und das Sprachverständnis sind stark
eingeschränkt.
Falls es überhaupt sprachliche Reaktionen gibt, sind diese durch starke Sprechanstrengung und schlechte Artikulation kaum verständlich. Häufig kommt es auch zu 'Sprachautomatismen', d.h. bestimmte Floskeln (z.B. "eins, eins, eins..." oder "genau so, genau so") werden unabhängig von der Situation immer wieder gebraucht.
Bei vielen Menschen mit globaler Aphasie ist aber die Intonation, also der Sprechklang, sehr gut erhalten. Sie ermöglicht es dem Betroffenen, trotz eingeschränkter Fähigkeit sich sprachlich zu äußern, eine Absicht beim Gesprächspartner zu verdeutlichen und auszudrücken. So können Inhalte wie Zustimmung, Ablehnung oder Fragen allein durch die Intonation, z.B. der Redefloskeln ausgedrückt werden.
Häufig, besonders bei schweren Sprachstörungen, besteht bei Angehörigen die Hoffnung, der Betroffene könne sich wenigstens über das Schreiben verständlich machen. Da aber Schrift- und Lautsprache in hohem Maße voneinander abhängig sind, (siehe Tabelle 1) können Betroffene einer globalen Aphasie meist nicht schreiben.
Menschen mit Wernicke-Aphasie sprechen ohne große Mühe. Auffällig ist jedoch, daß die Rede durch viele "Lautverdrehungen'' und Wortverwechslungen entstellt ist. Es kommt zur Bildung von "Phantasiewörtern" bis zur völligen Unverständlichkeit der Sprache
Auch das Sprachverständnis in der Unterhaltung ist erheblich gestört. Dabei merken die Betroffenen auch nicht, daß ihre eigene Sprachproduktion nicht richtig ist, und können dann häufig nicht begreifen, warum ihr Gesprächspartner sie nicht versteht. Sie suchen dann die "Schuld" eher beim Gesprächspartner als bei sich.
Im Gegensatz zu Menschen mit Broca-Aphasie haben von einer Wernicke-Aphasie Betroffene in der Regel also kein Störungsbewußtsein und keinen verminderten Sprachgebrauch. Man erlebt sie im Gegenteil häufig euphorisch und mit ungehemmtem Rededrang (Logorrhoe), d.h. sie können keine kurzen Antworten geben, sondern produzieren einen ganzen Wortschwall.
Die Sprachproduktion bei Menschen mit Broca-Aphasie ist erheblich verlangsamt und mit starker Sprechanstrengung und undeutlicher Artikulation verbunden, d.h. der Betroffene hat Schwierigkeiten seine Gedanken in sprachliche Form umzusetzen.
Häufig werden Wörter in ihrem Lautmuster verändert, wobei einzelne Laute oder Silben ausgelassen, umgestellt oder ersetzt werden (z.B. "Meksel" statt "Messer").
Das Sprachverständnis ist nur relativ gering gestört. Allerdings orientieren sich Menschen mit Broca-Aphasie häufig an den Hauptwörtern in einem Satz und bekommen Schwierigkeiten, wenn der Sinn einer Äußerung von den Funktionswörtern abhängt. Eine Unterscheidung der Bedeutung folgender Sätze würde ihnen schwer fallen: "Ich bin bei der Arbeit" und "Ich muß gleich zur Arbeit".
Auch die Sprachverarbeitung ist häufig verlangsamt, so daß die Betroffenen beim (Zu)hören große Mühe haben, das Gesagte schnell genug aufzunehmen.
Im Gegensatz zu allen anderen Aphasieformen ist das Sprachverständnis bei der Amnestischen Aphasie meist kaum gestört.
Auch die Flüssigkeit der Sprache gut erhalten, die Rede wird aber häufig durch Wortfindungsstörungen unterbrochen. Haben die Betroffenen solche Wortfindungsstörungen, so kommt es häufig zu Ersatzstrategien:
Insgesamt wirkt die Rede der Patienten mit amnestischer Aphasie relativ intakt, sie fällt jedoch durch ihren geringen Informationsgehalt auf.
Welche Auswirkungen eine Amnestische Aphasie für die Lebensqualität des Betroffenen hat, ist stark von seinen sprachlichen Gewohnheiten abhängig. Wenn sich jemand vor der Erkrankung nur wenig unterhalten hat, wird die Störung im Alltag kaum auffallen. Ist dagegen jemand - evtl. auch beruflich - auf die Sprache angewiesen (z.B. ein Lehrer), so können schon kleine sprachliche Unsicherheiten zu einer deutlichen Beeinträchtigungen im Leben des Betroffenen führen.