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Wie kann man die sprachliche
Verständigung mit von Aphasie betroffenen Menschen erleichtern?
Je mehr man sich als Sprachgesunder in die Lage der
Sprachgestörten hineinversetzen kann, um so besser kann man auch
mit ihren spezifischen Problemen umgehen. Einige ehemalige
Aphasiker haben inzwischen Bücher über ihre Krankheit und
Rehabilitation geschrieben. Diese Erfahrungsberichte lesen sich
wie Romane und sind sehr spannend für alle, die mit Aphasikern
zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist Katze fängt mit S
an. Aphasie oder der Verlust der Wörter" von I.
Tropp-Erblad (Fischer Taschenbuch, 1985). Der folgende
Textausschnitt stammt aus diesem Buch und beschreibt, wie die
Autorin ihre Aphasie erlebte:
„Es passierte oft, dass ich falsche Wörter
gebrauchte. Dann hörte ich im allgemeinen selbst, dass ich etwas Falsches gesagt
hatte. Aber ich erinnere mich an einen Fall, in dem ich es nicht merkte. Eine
Patientin fragte mich, wie alt ich sei. ‘Vierundsiebzig’ antwortete ich. Sie
wollte es mir nicht glauben, aber ich sagte, doch, es stimme. Sie wiederholte,
was ich gesagt hatte. Da hörte ich, dass es falsch war und berichtigte mich.
Anfangs war es mir unmöglich zu sagen, wie spät es war. Es wurde immer falsch.
Wenn ich ‘halb eins’ sagen wollte, sagte ich zum Beispiel ‘neun’. Es kamen
Zahlen. Aber ich hörte selbst, dass sie nicht richtig
waren. Wollte ich rot sagen, konnte es
blau werden. Wollte ich Winter sagen,
wurde es sicher Sommer, aus Gabel wurde
Löffel, aus warm wurde kalt.
Immer wieder mußte ich mich berichtigen. Es war ermüdend. Ich stellte mir vor,
dass die Wörter im Gehirn in Kategorien
eingeteilt sind. Wie ein Regalsystem, das für die verschiedenen
Kategorien von Wörtern verschiedene Regale hat. Wenn ich z.B.
Sommer bestellte, eilten kleine Gehirnarbeiter zum
Regal für Jahreszeiten und kamen mit Winter
zurück."
Ein Patentrezept für den Umgang mit aphasischen Menschen gibt
es nicht und kann es nicht geben, da sowohl der Aphasiker als
auch die Angehörigen eigenständige Persönlichkeiten sind, die
man mit anderen nicht vergleichen kann und soll. Trotzdem gibt es
einige Regeln, die man sich zumindest bewusst machen sollte:
Für die Verständigung mit von
Aphasie Betroffenen gilt
generell:
- Behandeln Sie den Menschen mit Aphasie als gleichwertigen
Kommunikationspartner! Reden Sie ruhig und etwas
langsamer, aber ganz natürlich und mit normaler
Satzmelodie. Es ist nicht nötig, übermäßig betont,
ausführlich und mit vielen Wiederholungen in erhöhter
Lautstärke zu sprechen. Das würde den Aphasiker nur
kränken, weil er sich nicht erwachsenengerecht
angesprochen fühlt.
- Versuchen Sie, Ihrem aphasischen Partner auch und gerade
im sprachlichen Bereich möglichst weitgehende
Selbständigkeit zu lassen.
- Nehmen Sie dem Aphasiker nicht das Sprechen
ab, wenn er oder sie sich selbst ausdrücken kann, auch wenn es länger
dauert. Es ist ganz normal wenn Sie aufgrund von ungewohnt langen Pausen,
die der Aphasiker macht, nervös, ungeduldig, „kribbelig" werden, es kommt
nur darauf an, dass Sie dem Aphasiker diese Pausen
zugestehen und ihn nicht mit Ihren eigenen Worten
unterbrechen.
- Sprechen Sie dem Aphasiker nicht Wörter vor
mit der Aufforderung, sie zu wiederholen (es sei denn, der Aphasiker wünscht
dies ausdrücklich). - Sprechen Sie nicht vor Dritten über ihn, als ob er gar
nicht vorhanden wäre, sondern versuchen Sie ihn immer ins Gespräch mit
einzubeziehen, auch wenn er sich selbst nicht äußern kann (z.B. „Karl-Heinz,
wir wollten doch noch sagen, dass du...")
Darüber hinaus gibt es ein paar allgemeine Regeln, wie die
Verständigung mit Patienten mit schweren aphasischen Störungen
erleichtert werden kann. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, auch
schwer Sprachbehinderte in Gespräche und Entscheidungsprozesse
mit einzubeziehen oder ihre Bedürfnisse und Wünsche zu
erfahren. Es ist wichtig, sich darum immer wieder zu bemühen,
damit die Patienten nicht resignieren, sich abkapseln und ihre
sprachlichen Fähigkeiten zunehmend verkümmern.
Hinweise für den Umgang mit Betroffenen von
schweren Aphasien:
- Die sprachgesunden Gesprächspartner sollten
darauf achten, dass die Patienten ihnen zugewandt und wirklich
aufnahmebereit sind (Aufmerksamkeit auf sich lenken,
Blickkontakt)
- Man sollte sich Zeit lassen und nicht zu schnell
sprechen. Eventuell trägt es auch zum Verstehen bei,
wenn das Gesagte wiederholt oder in anderen Worten
nochmals formuliert wird. Themenwechsel sollten nicht
abrupt vollzogen werden.
- Bei schweren Verständigungsproblemen kann es
helfen, wenn Fragen so gestellt werden, dass man sie mit
"ja" oder "nein" beantworten kann
(z.B. "War der Briefträger schon da?" statt
"Was ist alles passiert?").
- Menschen mit Aphasie benötigen schon für das
Verstehen ihre gesamte Aufmerksamkeit. Es ist also ratsam, nicht zwei oder
mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, wie etwa laufen und sich dabei
unterhalten. Hintergrundgeräusche wie Radio oder Straßenlärm können von
Sprachgestörten nur sehr schwer ausgeblendet werden und stören sie mehr als
Sprachgesunde.
- Gespräche in einer Gruppe von mehreren Menschen sind
für Aphasiker weitaus schwieriger zu verstehen als
solche mit einer einzelnen Person.
- Man sollte einen Menschen mit Aphasie nicht verbessern, wenn er ein
falsches Wort sagt. Wichtig ist, ob man versteht, worum
es geht. Oft hängen falsche" Wörter
thematisch mit dem zusammen, was der Betroffene
eigentlich ausdrücken will, manchmal verhaftet er aber
auch an einem vorher genannten Begriff. Wenn man Zweifel
hat, ob der Aphasiker das antwortet, was er wirklich
meint, sollt man eine Frage stellen: Meinst Du
....?"
- Hören Sie nicht nur auf das was, sondern auch
wie es
gesagt wird: Auch wenn Betroffene nur wenige oder gar
keine Wörter sprechen können, so kann man oft an der
Betonung hören, ob sie zustimmen, ablehnen oder etwas
wissen möchten.
- Häufig wird es trotz allem nicht gelingen,
herauszubekommen, was der Betroffen sagen will. Trotzdem
sollte der Aphasiker durch Sie die Gewissheit bekommen, dass seine Ansicht gleich, bald oder zumindest später,
bei einem erneuten Versuch, verstanden werden will. Hier
könnte hilfreich sein zu sagen: Wir finden es
heraus - fang noch Mal an!" oder Wir versuchen
es später noch einmal herauszufinden".
- Es ist im Umgang mit schwerst Betroffenen immer an die Möglichkeit zu denken, dass sie entgegen aller Erwartung
doch verstehen. Dies geschieht meist dann, wenn es um
persönliche Belange geht. Man sollte es also vermeiden,
über ihren Kopf hinweg zu sprechen, ohne sie in das
Gespräch mit einzubeziehen.
- Begleiten Sprachgesunde ihre sprachlichen
Äußerungen durch Mimik, Gestik, Aufzeichnen oder Zeigen von Gegenständen, so
steigt die Wahrscheinlichkeit , dass
sie von den Patienten verstanden werden. Es muss dabei
jedoch nichtsprachlich wirklich das Selbe ausgedrückt
werden wie sprachlich.
- Sucht ein Aphasiker offensichtlich nach einem bestimmten
Ausdruck, so kann man durch Raten (Meinst du
...?") mithelfen.
- Manchmal kann es auch helfen, ein Stichwort
aufzuschreiben.
Häufige Ursachen von Missverständnissen
Folgende Probleme tauchen in der Verständigung mit schweren
Aphasikern immer wieder auf:
- "Ja" und "nein": Es besteht die Möglichkeit,
dass Sprachgestörte "ja" und
"nein" verwechseln. Manchmal können sie von
einer einmal gefundenen Antwort nicht mehr abrücken und
wiederholen sie ständig, obwohl sie eigentlich das
Gegenteil meinen (Perseveration). Es kommt auch oft vor, dass sie "jaja" antworten, ohne etwas
verstanden zu haben. Das Zeigen auf Wortkärtchen mit
"ja" und "nein" kann zuverlässigere
Resultate bringen.
- Echolalie: Einige Aphasiker wiederholen Fragen oder
Äußerungen der Gesprächspartner, ohne etwas vom Sinn
zu verstehen. Dadurch kann irrtümlicherweise der
Eindruck entstehen, sie hätten das Gesagte verstanden.
- Die spontane Gestik und Mimik einiger Patienten
vermittelt häufig, mag sie auch noch so ausgeprägt und
eindrucksvoll sein, keine eindeutig interpretierbare
Information. Dadurch entsteht oft mehr Verwirrung als
Klarheit.
- Manche Aphasiker (mit Wernicke-Aphasie) sprechen flüssig
und viel, das Gesagte ist aber wenig verständlich. Als
Gesprächspartner sollte man sie immer wieder darauf
aufmerksam machen, wenn man etwas nicht verstanden hat.
Tut man dies selten oder nie, können große
Missverständnisse entstehen. Diese Aphasiker denken ja
oft, sie hätten sich verständlich ausgedrückt.
Diese und weitere Informationen
finden Sie in der
Beratungsbroschüre "Aphasie" der Deutschen Gesellschaft für
Sprachheilpädagogik.
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Aphasie von Ralf Rokitta
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