Folgender Brief eines von Aphasie Betroffenen erreichte mich.

Der Absender SIEGFRIED H. REFFGEN gestattete mir die Veröffentlichung an dieser Stelle.


Hi Ralf !

Voller Interesse hab ich eben Deine Zusammenfassung über die verschiedenen Arten der Aphasie gelesen. Als Betroffener lese ich immer recht gerne Berichte über dieses Behinderung - doch leider ist auch diese Mal übersehen worden, wie es in dem Patienten aussieht.

Im Jahre 1987 wurde ich in eine Neuro-Klinik eingeliefert Offensichtlich litt ich unter einem besonders schweren Fall der amnestische Aphasie, denn nur wenige Worte meines zuvor großen Wortschatz waren mir geblieben - grammatikalische, orthographische und syntaktische Fähigkeiten waren mir, neben meinem mathematischen Kenntnissen, völlig geschwunden. Mittels den Dir wohl bekannten Abläufen der "Wiederbelebung der Sprache" - sprich Therapie bis zum geht nicht mehr - fand ich langsam einen Weg zurück zur Kommunikation. Ich wurde schnell meine Ängste los und begann selbst an mir zu arbeiten - während andere Patienten sich ihrer Freizeit erfreuten, stand ich vor dem Spiegel und laß mir Texte vor und entwickelte auf meinem Computer (ich war wohl der einzige Patient der seinen Computer dabei hatte) Programme.

Nun will ich Dir keineswegs meine gesamte traurige Geschichte erzählen... mein Ziel ist es, Dich auf einen Mißstand der Therapie hinzuweisen: Überall ist zu lesen, daß Aphasie nichts mit Dummheit zu tun hat. Jedoch wurde ich nahezu ununterbrochen wie ein kleines Kind behandelt; nicht nur die netten (und oft sehr hübschen) Krankenschwestern, sondern auch von den Logopäden. In mir verborgen lebe immer noch ein hohe Intellekt - verborgen hinter einer schlimmen Behinderung. Keine glaubte mir das ...

Später, aber an sich viel zu früh, wurde ich entlassen. Mit der verbleibenden Behinderung stürmte ich auf ein offenes und freies Leben zu - und wurde ausgelacht, befragt oft ein geistig gestörter nicht im normalen Leben fehlplaziert war usw. .

Es klappte also nichts mehr. Das Gymnasium. mußte ich dann nach vielen Wiederholungen aufgeben. Ich arbeite weiten an mir - ohne fremde Hilfe. Nach rund einem 3/4 Jahr schulte ich mich wieder in einer Kollegschule ein und hatte endlich Erfolg. Keiner bemerkte noch etwas von meinem "kleinen" Problem und wurde nach 3 Monaten zum Schulsprecher gewählt. So stand ich eines Tage vor ca. 1200 Schülern und hielt meine Rede - fehlerfrei und ohne Skript. In dem Moment wurde es mir klar, daß ich die Aphasie endlich besiegt hatte. Die kleinen, bösen Fehler die mir noch unterlaufen, sind in der Anzahl geringer als jene die eines "normalen" Menschen. Nur wenigen Menschen konnte ich mit meiner Geschichte bisher helfen, den Glauben an eine Heilung nicht zu verlieren. Aber jene die ich traf (meist sind das Stotterer) konnte ich ein wenig die Kraft geben an sich zu glauben. Die Aphasie ist etwas schlimmes - aber ich bin davon überzeugt, daß nur so viele Behinderte gibt, weil sie irgendwo auf dem Weg zur Heilung den Hoffnung verlieren und in Depressionen versinken.

Ich wünsche Dir nun viel Spaß und Kraft bei Deiner Arbeit!

Siggi

P.M. Ach ja noch zum Schluß etwas, was ich endzwischen sehr heiter finde: In der Klinik wurde der Token-Test von einer jungen, emanzipierten Logopädin durchgeführt. Mit sie schaute mich danach an (wie man ein Stück Fleisch im Supermarkt begutachtet) und sagte mit kühler Stimme "Lieber Herr Reffgen - ich kann Sie beruhigen - Sie werden sicherlich einigen Worte wieder erlernen. Machen Sie sich aber bitte keine große Hoffnungen - ich möchte es ausschließen das sie noch längerer Sätze fehlerfrei aussprechen können. Und sogar das Lesen werden sie wieder erlernen - nur machen Sie sich dort bitte keine Hoffnungen, daß sie wieder Rechnen und Schreiben können wie bisher" - Ich war natürlich total erschlagen. Zur Zeit spreche ich 2 Fremdsprachen, lerne jetzt eine weitere und studiere Mathematik und Physik mit dem Ziel Diplom II. :-)

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# Siegfried H. Reffgen #
# Universit"t Duisburg #
# Mathematik und Physik Diplom II #
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